Das Böse im Wein

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„Ich kann das nicht mehr hören und lesen tu ich’s schon überhaupt nicht mehr“ – Weinbeschreibungen sind eine Sache für sich und manch einer schaut sich grundsätzlich nicht mehr an, was andere schreiben.

Das Böse - nur eine Scheibe Toast

Das Böse - auch im Wein? foto:Cali4Beach/flickr/CC BY 2.0

Besonders oft ist das hinter vorgehaltener Hand zu hören, wenn es um Beschreibungen aus dem Munde oder der Feder von Sommeliers deutscher Schule geht. Ist damit gemeint, daß deutsche Sommeliers es nicht können? Ich denke nicht – dahinter stehen eher verschiedene Arten sich seinem Gegenstand zu nähern. Und das schlägt sich natürlich in Beschreibungen oder Beurteilungen nieder.

„Erzählen Sie einmal etwas über die Toskana?!“ – da fällt bei vielen in Deutschland ausgebildeten Weinfachleuten zuerst das Stichwort „Antinori“. Das ist nicht falsch – trotzdem hätte man an dieser Stelle gerne etwas zu Klima, Böden, Rebsorten, Weinzubereitung, Weinstilen und Markt gehört. Was man zu hören bekommt, ist die Geschichte der weitverzweigten Familie A. und ihrer Vetter in B. sowie ihrer Mitbewerber F. Ist ja durchaus auch interessant. Beide machen gute Weine, dabei haben die A’s einen gewissen Glamour-Faktor, die F’s sind demgegenüber etwas bodenständiger.

Philosophie versus Technik

Wie ist das denn nun mit den unterschiedlichen Heransgehensweisen? Einen Artikel von Jeremy Parzen auf seinem Do Bianchi Blog finde ich sehr aufschlussreich. Er meint, daß in verschiedenen Ländern unterschiedlich über Wein gesprochen und geschrieben wird. Seiner Beobachtung nach stehen zum Beispiel für viele italienische Autoren die Produzenten im Vordergrund: es wird über Familengeschichten, den Betrieb, die Philosophie geschrieben, die aktuellen Weine sind nicht so wichtig, auf eine analytische Beschreibung und Bewertungen in Skalen wird gerne verzichtet. Von dieser Herangehensweise scheinen sich viele Sommeliers etwas abgeguckt zu haben. Zu den Geschichten kommt dann oft noch eine Beschreibung des Weines, die etwas von blauem Himmel und weissen Wolken hat und die unterhält und verkauft. Parzen meint bei der angelsächsischen Wein-Beurteilung und -Schreibe gehe es mehr um den Wein selbst, technische Details und Beurteilungen rankten vor Historie und Berühmheit des Produzenten.

Da ist schon was dran. Tatsächlich wird in den Anforderungen des WSET aus Großbritannien an eine Weinbeschreibung und -Beurteilung wesentlich mehr Gewicht auf die Struktur und Entwicklungsperspektive eines Weins gelegt, als auf die Erfassung der Aromen bis hin zur fünfzehnten Nuance. „Nichts in einem Wein verändert sich so schnell, wie seine Aromen“  heißt der Leitsatz  – bei den Aromen ist alles von der Tagesform des Weines, von Temperatur und Luftdruck und vielen  weiteren Parametern abhängig, deshalb die Beschränkung auf das (für den Gastronomen oder Händler) Wesentliche. „drink now?“ oder „keep!“. Es geht um die Erfassung der Qualität und Intensität weniger Leitaromen. Bei einer solchen Herangehensweise meint Parzen, gehe es also darum, ob ein Wein im technischen Sinne „in Ordung“ oder „schlecht“ ist. Der Spaßfaktor hält sich bei einer solchen Betrachtungsweise notwendigerweise in Grenzen.

Das Gute und das Böse im Wein

Viel interessanter sei Wein doch, so unser Bloggerfreund Parzen, wenn der Wein auch auf  „metaphysischer Ebene“ betrachtet werde. So wie das aus seiner Sicht viele europäische Weinschreiber tun. Da geht es dann um das „Gute“ (good) und „Böse“ (evil) im Wein, um die Einbettung eines Weines in seinen kulturellen Kontext. Parzen verweist auf einen Beitrag über Bartolo Mascarello, in dem der Autor über Mascarellos Bücherregal bemerkt, er habe dort „Togliatti, Longo, Marx, Liberovici, Marcuse“ stehen. Wein als Begleiter europäischer Kultur – ein spannendes Thema. So sahen das wohl auch die Zuhörer dieses Vortrags bei der Europäischen Weinblogger Konferenz.

Aber muß man sich um den Wein zu verstehen, wirklich mit den vorgenannten Autoren auseinandersetzen? Muß man, um Wein zu geniessen, zuvor die abendländische Philosophie und Geschichte studiert haben? Damit wird Wein zu einer elitären Veranstaltung, die viele abschreckt. Und es geht ganz schnell in Richtung Ideologie. „Wie hat ein Wein zu sein?“, „Ein guter Wein ist….“ Fragen und Definitionen, die sich geradezu aufdrängen, wird die Wein-Debatte in Richtung Metaphysik geführt.

Was ist jetzt gut, was ist schlecht? So schwarz und weiss sollte man die unterschiedlichen Heransgehensweisen nicht sehen. Von den einen wünschte man sich manchmal etwas mehr Präzision  in den Beschreibungen und im Urteil. Und von den anderen etwas mehr Gefühl und Engagement.

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5 Kommentare

  1. Winzer mit einem gut sortierten Bücherregal gibt es noch mehr nicht nur Mascarello. In Deutschland fällt mir da Reinhard Löwenstein ein und in Südafrika Johan Reynneke.

  2. Die Frage Gut und/oder Böse im Wein würde ich allerdings mit einer einer anderen Polarisierung stellen: das Heilige und das Profane im Wein. Ist Weinmachen für den Winzer eine rituelle Handlung mit einer entsprechenden inneren Haltung und Selbstkonditionierung oder Business as usual.

  3. Als Soziologe kann ich erkennen, dass hier sehr unterschiedliche Professionsnormen wirken, die darüber hinaus – der obere Eintrag spricht es an – noch entlang von Nationen und Organisationen differenziert sind. Wenn die im zunehmend transantional/globalen Kontext aufeinander treffen, muss es natürlich zu Reibungen und Widersprüchen kommen, die vorher gar nicht so sichtbar waren, weil alle in ihrem jeweiligen Kontext gedacht/gewirtschaftet haben (vgl. nur die aktuelle Bordeaux-Debatte). Eine Angleichung ist auch tatsächlich nicht wünschbar (denn: mit Unterschieden kann man auch Gewinne erzielen!), vielmehr geht es darum, Unterschiede anzuerkennen ohne jedoch im Gegenzug zu sagen „es gibt keine Qualitätsregeln mehr“. Insofern volle Zustimmung: „So schwarz und weiss sollte man die unterschiedlichen Heransgehensweisen nicht sehen. Von den einen wünschte man sich manchmal etwas mehr Präzision in den Beschreibungen und im Urteil. Und von den anderen etwas mehr Gefühl und Engagement.“ Und hier entstehen die Probleme: Önologie ist ja im Grunde ein ingeneurwissenschaftliches Studium (Geisenheim) während Weinjournalisten (auch hier natürlich eine weite interne Spannbreite!!) und Sommeliers sich auf ganz andere Aspekte konzentrieren, nämlich Aspekte, die die Vermittelbarkeit und käuferorientierte Qualitätsbewertung betreffen – selbstverständlich ist für die letztere Gruppe die Sprache ungleich wichtiger als für die erste Gruppe, die Priorität ist womöglich genau umgedreht. Solange beide Gruppen sich aber dieser professionsbedingten Unterschiede bewusst sind..gibt es für „Aufregung“ eigentlich gar keinen sachlichen Grund. Hinzu kommt der generelle Unterschied zwischen heilig/profan, den Mario Scheuermann anspricht. Ich würde ergänzen, dass das sehr stark davon abhängt, in welchem Preis- und Qualitätssegment man sich bewegt. Hier gibt es ja inzwischen überall ene gewisse gedankliche Trennung zwischen „Alltagswein“ und „Wein zu anderen/besonderen Anlässen“ – eine konsumorientierte Unterscheidung, die dann von den Produzenten und Händlern unterschiedlich „bedient“ wird. Auch hier sehe ich erstmal wenig Grund zur Aufregung. Wir leben in einer recht diffrenzierten Welt – das lernt man daraus.

  4. Die Herangehensweise an eine Weinbeschreibung ist generell nicht einfach, gilt es doch a) den Wein zu beschreiben und b) rhetorisch geschickt vorzugehen.
    Das Eine (a) wird ja gut gelehrt und läßt Optionen offen, für die phantasievollsten Erklärungen.
    Ich persönlich möchte mir auch gerne meinen „Adjektiv-Shop“ samt Inhalten schützen lassen, um meinen Reichtum zu mehren. Geht leider nicht.

    Das b) ist leider etwas komplexer, denn diese Ausbildung kann auch an den besten Weinschulen nicht vermittelt werden.

    Es macht schon einen Unterschied, ob ich den Wein als „verhalten“, oder „flach“ bewerte. „Viel Frucht“ oder „Gummibärchenaroma“, „Holznoten“ oder „Grilkohle“.
    Jeder Wein läßt sich „gut schreiben“, dafür braucht es weder Erfahrung noch Ausbildung.
    Um aber gut zu schreiben und auch noch verständlich zu be-schreiben, braucht es Kenntnisse und Erfahrungen aus Weinbereitung und -verkostung, sowie Germanistik und Verkaufspsychologie.

    Die Probe aufs Exempel gebe ich mit passenden Erklärungen gerne (auf privatem Weg) ab.

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