Der Vollernter – Brief aus der Provence

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Vollernter

Vollernter bei Seguret / Côtes du Rhône foto:mpleitgen

Heute morgen um 6 war es soweit – ich hatte mich schon die ganze Zeit gefragt, wann denn die Reben hinter unserem Haus an der Reihe wären. Unüberhörbar war er zugange – ein großer blauer Vollernter der Marke Braud. Mit Ausschlafen war es vorbei – irgendwie habe  ich mit diesen Geräten meine ganz eigenen Erfahrungen.

Man kann ja von den Dingern halten, was man will. Es gibt überzeugte Gegner und ebenso überzeugte Anhänger. Und dann gibt es diejeniegen, die früher dagegen waren und heute selbst damit arbeiten. Weil die Geräte besser geworden sind, weil man nicht so viele Leute braucht oder weil man die Kapazitäten für die Weiterverarbeitung jetzt auch hat. Für mich ist das alles keine Glaubensfrage, sondern einfach eine Entscheidung, was man machen will. Was am Ende dabei herauskommen soll.

Meine ganz persönliche Geschichte mit den Maschinen fing vor 30 Jahren an: ich war mit einem Freund für den Aufbau und die Restrukturierung zweier Weingüter in Südwestfrankreich zuständig. Ein großer Teil mit den lokalen Weisswein-Rebsorten wie Loin-de-l’œil, Mauzac und Muscadelle bestockt. Insgesamt 116 Hektar. Damals kamen die ersten Vollernter auf. Die Geräte wurden auf Messen bestaunt und wenn irgendwo einer im Einsatz zu sehen war, setzte man sich ins Auto und fuhr hin.

Das Für und Wider wurde mit dem Regiesseur erörtert und ein Braud bestellt. Teuer wie ein LKW – aber jede Menge Vorteile, vor allem für die Weissweinernte. Der Fahrer ging drei Tage zu einer Schulung. Dann wurde das Ding geliefert und auf dem Hof von den Technikern vollends zusammen gebaut.  Klar, daß jeder mal draufsitzen und eine Runde fahren wollte.

Auch beim ersten Einsatz wollte natürlich jeder mit dabei sein – der große Chef wurde extra aus Allemagne eingeflogenund das halbe Dorf pilgerte in die Weinberge. Erwartungsvoll standen wir am Rande eines Rebgrundstückes als der Apparat die Straße herunterkam. Und dann passierte es: beim Einbiegen in den Feldweg verfehlte der Fahrer knapp den schmalen Damm – das Gerät legte sich im Zeitlupentempo zur Seite, um dann mit Getöse und aufheulendem Motor ganz in den Graben zu kippen.

Zum Glück war niemandem etwas passiert – den Fahrer hatte es in hohem Bogen in die Reben katapultiert. Damals gab es noch keine klimatisierte Kabine mit Stereokopfhörern. Die Maschine allerdings war schwer beschädigt, wie sich herausstellte , nachdem wir sie mit einem Traktor aus dem Graben gezogen hatten. Drei Wochen sollte die Reparatur dauern – Ersatz war keiner zu bekommen und wir mußten kurzfristig eine Lesemannschaft zusammenbekommen. Stress pur.

Seit diesen Tagen habe ich großen Respekt vor den Maschinen – auch wenn sie mich morgens um 6 aus dem Bett holen.

 

 

 

 

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