Amazon Lager Leipzig foto:amazon

Es ist nicht alles Gold was glänzt – die Kehrseite der Internet-Ökonomie

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Diese Reportage wird mein Kaufverhalten beeinflussen…“ heißt es in einem Kommentar zur ARD Reportage „Ausgeliefert! Leiharbeiter bei Amazon“, die im Ersten ausgestrahlt wurde und jetzt in der ARD-Mediathek anzuschauen ist.

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Chinesische Zustände?

Erbaulich ist das alles nicht, was es dort zu sehen gibt: was passiert, wenn 5.000 Leiharbeiter europaweit zusammengekarrt und fürs Weihnachtsgeschäft in leerstehenden Ferienwohnungen „kaserniert“ werden? Bewachung rund um die Uhr durch an Neonazis erinnernde Sicherheitsleute  -„Das ist unser Haus. Das sind unsere Regeln. Ihr müsst das machen, was wir sagen“ so einer der Wachmänner zu den Arbeitern. Szenen, wie man sie sonst nur von Wanderarbeitern aus China kennt.

Mit Amazon steht eine Firma am Pranger, die nicht zum ersten Mal durch den geschickten – aber vollkommen legalen – Einsatz von Arbeitsverträgen auffällt. Der letze Aufreger: in NRW gab es Geld von der Arbeitsagentur für vierzehntägiges Probearbeiten beim Versender.

2012 Rekordjahr für den Online-Handel

„Der Interaktive Handel erzielte 2012 erneut einen Rekordumsatz“ heißt es in der Pressemitteilung des Bundesverbandes Versandhandel (BVH). Um 15,6% wuchs 2012 der Umsatz gegenüber dem Vorjahr – auf über 39 Milliarden. Der reine Internethandel wuchs sogar um 27,2% auf 27,6 Milliarden. Für 2013 werden neue Rekorde prognostiziert.

Es ist nicht alles Gold, was glänzt

Doch in mehrfacher Hinsicht ist nicht alles Gold, was glänzt. „Die fantastischen Umsätze bringen keine fantastischen Margen mehr“ schreibt die Süddeutsche in einem Artikel am 13.02. zu den BHV-Zahlen.  Die Transparenz im Netz drücke die Preise. Globetrotter-Chef Thomas Lipke beklagt den Margenverfall: „bei den Unternehmen sieht es nicht überall rosig aus..“

Der Absatz übers Internet ist nicht unbedingt kostengünstiger als über den stationären Handel. Beim Weinhandelsworkshop in Heilbronn im vergangenen Jahr zeigten Dieter Stoll von Vinexus und Christoph Dippe von Rindchen, welcher Aufwand für ein erfolgreiches Online-Geschäft getrieben werden muss und welche Kosten anfallen. In diesem Licht ist sicher auch der Erfolg der Wein-Online-Händler in 2012 zu sehen.

Verdrängungswettbewerb

Zudem wurde das, was jetzt im Netz gekauft wurde, vorher woanders gekauft. Der Weinabsatz in Deutschland ist in den letzten Jahren rückläufig – es geht also um eine Neuaufteilung des Marktes. Dabei wird zwangsläufig der ein oder andere Anbieter auf der Strecke bleiben – die Schließung von FUB war ein erstes Beispiel dafür.

Polen und Rumänen auch beim Wein

Auch nicht gerade ein Pluspunkt: Internethandel ist im Fullfillment – also dann, wenn der Auftrag einmal im Haus ist –  im wesentlichen Logistik – diese Branche ist nicht unbedingt für hochwertige Arbeitsplätze bekannt. Kistenschlepper sind meist Niedrig-Lohn-Empfänger.

Damit sind wir wieder bei der Amazon-Reportage. Es sei unangebracht, die Moralkeule herauszuholen, schreibt in der FAZ eine weitere Kommentatorin, viel anders sei es auch nicht, wenn die deutschen Bauern jedes Jahr zur Ernte ihre Leiharbeiter aus dem Osten einsetzten. Und da hat sie natürlich recht – auch in unserer Branche spielen die Arbeitskräfte aus Polen oder Rumänien ganzjährig eine große Rolle. Wer einmal hinter die Kulissen schaut, wird auch in der Weinwirtschaft Container-Unterkünfte finden.

Vielleicht ist es von Zeit zu Zeit einmal ganz gut, einen Moment innezuhalten und sich darüber klar zu werden, was denn die tatsächlichen Auswirkungen der Veränderungen in Wirtschaft und Handel für den Einzelnen bedeuten können. Das ändert an dem gesamten Prozeß nichts – aber man kann dann im Einzelfall entscheiden, ob man nicht doch lieber zum Buchhändler oder zum Weinladen an der Ecke geht, statt über das Netz zu ordern.

PS Amazon hat sich detailliert zu den Löhnen der „Wanderarbeiter“ geäußert – dem ARD Bericht über die Einschüchterungsversuche der Wachmänner will man nachgehen, so etwas werde nicht geduldet.

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3 Kommentare

  1. Für Amazon ist momentan echt ein sinkender Punkt angelangt. Immer mehr Nutzer löschen Ihr Konto dort.
    Aber wenn man sich einmal Übersicht verschafft, ist dies kein Einzelfall mehr. Immer mehr Unternehmen nutzen Ihr Personal aus, produzieren Ihre Artikel über Kinderarbeit oder im Ausland, wo die Menschen noch weniger verdienen. Dies alles wird gemacht, um den Wettbewerb stand zu halten.
    Aber vielleicht sind wir Konsumenten auch größten teils Schuld?
    Wir sollten vielleicht einmal mehr ausgeben, anstatt immer die günstigsten Produkte zu kaufen.

  2. Es gibt da aus meiner Sicht zwei Hauptprobleme: Viele Kunden greifen immer nach dem Billigstem und zweitens geht billig meist nur per Massenproduktion oder/und mit Preisdruck auf den Hersteller oder Lieferanten.
    Sicher versuchen auch kleiner Händler Preisdruck auszuüben, aber sie werden nie die Macht eines Riesen wie z.B. Amazon, Aldi oder Edeka entfalten können.
    Also liebe Verbraucher warum kauft Ihr nicht beim kleineren Online-Fachhandel der nicht alles verkauft, im kleinen Laden nebenan ober beim Metzger nebenan?
    Anscheinend ist Geiz immer noch Geil oder warum wird der meiste Wein immer noch beim Discounter gekauft.
    Amazon bietet viele Artikel versandkostenfrei, wie soll das funktionieren? Natürlich auf Kosten der Mitarbeiter!
    Bei der Massentierhaltung gehts halt auf Kosten der Tiere usw…..

  3. Was erfolgreich ist, besitzt oftmals nicht nur gute Seiten. Missgünstige Aspekte sind häufig ebenfalls hinzunehmen. Schön jedoch, dass dein Artikel diesbezüglich aufklärt.

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