Gambero Rosso trotzt der Krise

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„Wir haben es geschafft unsere Auflage zu halten – und das ist doch schon was im aktuellen Umfeld “ sagte mir gestern Gambero Rosso Herausgeber Daniele Cernilli bei der „Top Italian Wines Roadshow“ in Berlin. Es wunderte ihn nicht, daß in Deutschland etliche Wein-Magazine verschwunden sind und auch die aktuellen alarmierenden Zahlen der Wein-Presse waren für ihn nachvollziehbar.

Daniele Cernilli, Herausgeber Gambero Rosso

Daniele Cernilli, Herausgeber Gambero Rosso foto:Michael W. Pleitgen

„Jeder der heute ein reines Wein-Magazin betreibt, ist extrem gefährdet. Meiner Ansicht nach hat das Interesse für Wein nicht nachgelassen, die Leute, die sich für Wein interessieren, haben aber aktuell andere Probleme und keine Zeit für Wein.  Und das Anzeigen-Geschäft war im vergangenen Jahr so schlecht wie nie. Die beiden Sachen zusammen brechen den Leuten, die nicht früh genug die Zeichen der Zeit erkannt haben,  den Hals.“

Cernillis Ansicht nach überleben in der Krise die „big brands“, den Gambero Rosso zählt er dazu. „Wein alleine reicht heute nicht mehr. Der Gambero war vom Ursprung her ein Food-Magazin. Die Themen muß man heute breiter angehen, das servieren, was die Leser interessiert: Wein, Ausgehen, Essen und Tourismus. “ In Deutschland ist Gambero Rosso für seinen Wein-Füher „Vini d’Italia“ bekannt. Daneben gibt es noch den „Almanacco del bere bene“,  der italienische Alltagsweine testet (sehr empfehlenswert!), den Gambero Rosso Restaurantführer Italien,  die Zeitschrift Gambero Rosso, eine Internetsite und seit 1999 den TV Kanal Gambero Rosso television channel.

„Sie müssen heute auf allen Kanälen präsent sein. Für uns ist das Fernsehen sehr wichtig und das Internet wird immer wichtiger“ sagt Cernilli. Immer wieder begegnen die Genießer dem Gambero Rosso auf den unterschiedlichsten Medien . Das hat dazu beigetragen, Gambero Rosso zum Synonym für italiensche Genußkultur zu machen. Der Führer ist in Italien eine Institution und verkauft ca. 70.000 Exemplare. Die deutsche Ausgabe liegt bei 20.000 Exemplaren und die englische/internationale  bei 40.000.

Neben den USA ist Skandinavien mit 5.000 verkauften Exemplaren wichtigster Einzelmarkt. Deshalb geht die Roadshow auch nach Kopenhagen. „In den skandinavischen Ländern sind die Konsumenten bereit, mehr für Wein auszugeben. In UK spielen wir Italiener nur eine kleinere Rolle, Übersee und Frankreich sind zu stark. Die USA sind ein traditioneller Markt für italienische Weine. Denken sie an die Auswanderer. In Asien ist China ist vielversprechend, Honkong und Singapur setzen in erster Linie auf Frankreich. Da müssen wir noch ein bißchen warten.“

Wie sieht für Cernilli die Zukunft des Wein-Journalismus aus? „Um den Gambero mache ich mir keine Sorgen. Wir sind breit aufgestellt. Das Anzeigen-Geschäft wird sich wieder beleben, wenn es wirtschaftlich wieder bergauf geht. Im  Internet mit Content Geld zu verdienen ist schwierig, deswegen ist unser Angebot dort weitgehend kostenlos. Bei speziellen mobilen Anwendungen, bei denen sie die Vorteile klar erkennen, sind die Leute bereit, zu bezahlen. Wir haben zwei APPs gelauncht: unseren Wein- und unseren Restaurant-Führer. Die Zukunft für Paid-Content liegt im mobilen Internet.“

Zur Gault-Millau Diskussion wollte sich Cernilli nicht äußern. „Kollegen möchte ich nicht kritisieren.“ Für den Gambero sei Unabhängigkeit das höchste Gut. Im Führer selbst gibt es keine Weinwerbung. Die Muster für die Verkostung werden von den regionalen Önotheken gestellt. Dort probieren auch auch die 30 regionalen Jurys. Über 60 Personen sind in die Tastings involviert.  Lediglich für das Finale, die Tre-Bicchiere werden die Winzer um die Einsendung von Mustern gebeten. „Davon abgesehen gibt es keinen direkten Kontakt zwischen Winzern und uns, wenn es um die Bewertung geht“, sagt Cernilli. „Wenn alles klar und transparent ist, gibt es keine Probleme!“

Probleme ganz anderer Art haben zur Zeit die deutschen Weinmedien, schaut man sich die neuesten Auflagenzahlen an. Soviel Krise und soviel Dämmerung war noch nie.

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2 Kommentare

  1. Kompliment! Ein interessantes Interview und man sieht, es gibt auch im Print genügend Beispiele, wie man das Thema Wein rüberbringen kann. Und der Gambero Rosso ist einfach ein guter Führer durch das Dickicht des italienischen Weins. Es gibt in Italien noch so viel zu entdecken…

    Michael Liebert

  2. Er liegt halt völlig falsch. Italien kann man nicht auf Deutschland übertragen, schon gar nicht das Anzeigengeschäft. Italienische Firmen sind sehr kommunikationsfreudig und schalten auch, ohne dass man sie dauern penetrieren muss. Zudem ist sehr wohl Platz für ein reines Weinmagazin und eben nicht für ein Genuss-Wischi-Waschi. Die Italiener schätzen das Zusammenhängende, die Deutschen das segmentiv Spezielle. Auch hier sind Vergleiche eher problematisch. Und es mag sein, dass nach der Krise in Italien wieder geschalten wird (dort musste Vanity-Fair auch nicht eingestellt werden – bei vergleichbaren Zahlen), in Deutschland wage ich das zu bezweifeln. Auch lieben die Italiener Papier und versagen sich dem Netz. Alles dort ist anders..

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