Gault Millau Debatte: Chance für den Wein?

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Die Gault Millau Diskussion hat einmal mehr gezeigt, wieviel Emotion im Wein steckt. Das ist schön. Auf der anderen Seite zeigt sie auch, wieviel Drama, Königsmord, Intrige geboten werden muß, damit die Öffentlichkeit ein Wein-Thema aufnimmt. Aufmerksamkeit für Wein gibt es in letzter Zeit immer nur bei Negativ-Schlagzeilen.

Während Herr Knipser darüber räsonniert, daß er nicht auch noch Geld dafür bezahlen wolle, damit er beurteilt wird, werden die Plätze an denen wirklich professionel, im Sinne von fachmännisch, über Wein geurteilt und berichtet wird, immer weniger. Über den Niedergang der Wein-Presse ist viel geschrieben worden. Im Mai hat Jancis Robinson  einen interessanten Vortrag  mit dem Titel „Weinjournalisten – eine bedrohte Spezies? “ gehalten. In den USA und Großbritannien (heute kann man auch ergänzen: Deutschland) verabschieden sich immer mehr Zeitungen von ihren Weinkolumnen, Weinzeitschriften werden eingestellt, im Fernsehen enden alle Sendungen schnell im Archiv (siehe VINUM TV) und Weinbücher sind im Buchhandel kaum noch zu finden. All das trifft auch bei uns zu.

Was ist passiert? Eine Antwort auf die Frage weiss auch Robinson nicht. Auffällig sei, daß die Weinseiten vielfach durch Koch-Rezepte und Restaurant-Empfehlungen ersetzt wurden. Eine Beobachtung die man auch bei uns machen kann: dazu muss man einfach mal ein paar Zeitschriften durchschauen. Und selbst im Internet werden aus Weinwelten Genußportale, deren Fokus sich langsam vom Wein weg verschiebt. Robinson vermutet, daß die Budgets der Weinwirtschaft für Werbung und Kommunikation zu gering sind, um für die ums Überleben kämpfende Presse interessant zu sein. Da mag etwas dran sein: die Werbeausgaben für Wein sind in Deutschland niedriger als der Anzeigenetat von Aldi.

Es gibt sicher eine Reihe  anderer Faktoren, die das Interesse an Berichterstattung über Wein haben kleiner werden lassen:

  • Informations-Overload
  • mehr Wein-Wissen im Markt
  • Weinliebhaber sind in der Auswahl ihrer Informationsquellen autonomer und selektiver geworden
  • Bericht / Kommentar / PR sind häufig nicht mehr voneinander zu trennen

Ganz wichtig: es trinken zwar immer mehr Leute Wein, daß heißt aber nicht, daß die sich dafür in dem Maße interessieren, wie die Weinliebhaber alter Schule! Noch weniger sind sie bereit, für Berichterstattung und Meinung darüber zu bezahlen! Die überwiegende Zahl der Wein-Genießer dürfte der Ansicht sein, daß es die Emotionen zum Wein gratis gibt.

Wein ist Emotion. Um diese Emotion oben zu halten, braucht es Berichterstattung, Verkostungen, Hitlisten, Wettbewerbe, Führer, Festivals, gut ausgebildete Weinberater und dergleichen mehr. Ohne das alles droht Wein auf den Unterhaltungswert von Malzbier oder Apfelsaftschorle herabzusinken. Wein ist auf dem Wege zum Alltagsgetränk. Im Interesse der Weinwirtschaft müßte es sein, ihm zumindest den Status eines „Luxus für jeden Tag“ zu erhalten.

Spätestens hier stellt sich die Frage, wer in Zukunft dafür bezahlen soll. Die Gault Millau Debatte wäre ein guter Einstiegs-Punkt in diese Diskussion.

Lesen Sie zum Thema auch:

Spitzen-Weingüter vs Gault-Millau

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13 Kommentare

  1. Kann es sein, dass die fehlende Akzeptanz im Bereich der deutschsprachigen Weinmedien einfach nur eine Frage der fehlenden Qualität ist? Oder will irgendwer behaupten, ehemals „Alles über Wein“, „Vinum“ oder auch „Weinwelt“ bieten noch echte redaktionelle Qualität und fundierte Informationen?

    Mal abgesehen davon, dass man mittlerweile zunehmend den Eindruck hat, hier wird ausgesprochen viel Gefälligkeitsjournalismus betrieben. Ob aus Bequemlichkeit oder aus finanziellem Interesse möchte ich nicht beurteilen.

    Und welche Weinbücher sind denn noch wirklich gut? 98% aller erscheinenden Titel sind doch nur noch Abklatsch und Wiedergekäue von anderen Büchern.

    Dort wo noch Qualität und wirklich kritische Information geboten wird, sind die Menschen nach wie vor bereit zu zahlen. Sogar im Internet!

  2. Interessant an dieser Debatte ist aus meiner Sicht, dass sich immer mehr Verantwortliche aus der Weinbranche auch direkt oder indirekt im Netz zu Wort melden. Das war schon bei der Vinum-Debatte so.

    Erstaunlich ist, dass in Blogs und Foren häufig nur die Wein-Medien-Debatten mit großer Aufmerksamkeit und Beteiligung geführt werden (egal ob Buch, Zeitschrift oder TV). Man kann da auch andere Beispiele wie die Wein-Reportage vom SWR-Leif in der ARD heranziehen. Andere Wein-Themen werden hingegen mit weniger Leidenschaft umkämpft.

    Das hat bestimmt auch Gründe. Zum einen geht es auch um eine Standortbestimmung oder -suche der Wein-Onlinemedien. Zum zweiten ist da tatsächlich eine Medien-Verschiebung vorhanden. Es wird außerdem derzeit von einigen Akteuren versucht Cross-Medial aktiv zu werden. Vielen Offline-Anbietern fehlen dafür jedoch noch die Internet-Reichweiten. Somit wird sich des Bestehenden im Netz bedient.

    Deren Chance ist tatsächlich die Qualität. Wenn man jedoch schaut an wie vielen Stellen bei der aktuellen Debatte mit Unterstellungen, Gerüchten und verschwiegenen Parteilichkeiten gearbeitet wurde, sieht man, dass das Wein-Internet einige seiner negativen Eigenschaften (mit der es in der Vergangenheit in Verruf geraten ist) noch nicht abgelegt hat. Das macht sicherlich auch einen Reiz dieses Medium aus, schreckt aber zugleich seriöse Menschen aus der Weinwirtschaft ab. Zugleich bringt es meist eine Emotionalisierung in die Debatte, die nicht zielgerichtet für eine Problemlösung ist.

    @ Herbert Frohmann:
    Dem vorletzten Satz möchte ich gerne zustimmen. Bei den letzten drei Worten bin ich derzeit aber etwas skeptisch.

  3. Ich hatte ja schon einmal zu diesem Thema eine Idee vorgeschlagen… http://blog.johner.de/2009/02/zukunftskonzept-fur-weinjournalismus/

    … Da sich laut der DPA Meldung über 50% der angeschriebenen Winzer Ihr Kreuzchen an der wichtigen Position setzten und das Fax zurückgesendet haben…

    wofür habe ich mir damals den Kopf zerbrochen?

  4. immerhin, die koblenzer rhein-zeitung hat eine weinkolumne mit alexander kohnen eingerichtet. ganz weg ist der wein also nicht.

  5. Ein interessanter Artikel, der im positiven Sinne absolut diskussionswürdig ist. Vielen Dank dafür.

  6. „Ganz wichtig: es trinken zwar immer mehr Leute Wein, daß heißt aber nicht, daß die sich dafür in dem Maße interessieren, wie die Weinliebhaber alter Schule! Noch weniger sind sie bereit, für Berichterstattung und Meinung darüber zu bezahlen! Die überwiegende Zahl der Wein-Genießer dürfte der Ansicht sein, daß es die Emotionen zum Wein gratis gibt.“

    Eben. Denn Weinempfehlungen holen sich schon heute 74% der Weinliebhaber von Familie und Freunden. Dagegen informieren sich nur 29% in Weinguides und nur 35% folgen den mehr oder weniger unabhängigen Tipps der Weinkritiker.

    Die Gratis-Mentalität ist jedoch auch auf der Weinwirtschafts-Seite ausgeprägt. Das knappe Budget wird bestenfalls in den Grafiker investiert, die Texte oft per copy&paste „eingekauft“ oder gleich selbst geschrieben. Es gibt Winzer und Händler, die das richtig gut können – die Mehrheit kann es nicht. Aber immer mehr von ihnen versuchen das auch gar nicht erst, sondern nutzen Angebote spezialisierter Vermarktungspartner. Wenn das Bewusstsein für solche Dienstleistungen wächst, gewinnen alle. In diese Richtung verstehe ich das Angebot des Gault Millau. Und die rund 400 Winzer, die das Marketingpaket ordern wollen wohl auch.

  7. Pingback: Wer zahlt die Rechnung?

  8. @Michael Pleitgen und Thomas Günther: Gerade erst hat Utz Graafmann verraten, dass Wein-Plus „über 6.000“ zahlende Leser hat. Es geht also, wenn die Qualität stimmt. Quelle: http://tinyurl.com/n4hpst

    • @ Herbert Frohmann

      Ich möchte ein Mißverständnis vermeiden helfen: Wein-Plus ist kein Weinführer. Es sind eben nicht die Weinbeurteilungen, für die die Kunden zahlen, sondern der gesamte Mehrwert der zum Thema Wein geboten wird. Utz Graafmann weist selbst darauf hin.

      Wein-Plus Urteile werden im Verhältnis zu anderen Führern (Gault Millau / Eichelmann) kaum zur Auslobung in der Werbung benutzt, was schon fast ein klassisches Merkmal von etablierten Weinführern ist.

      Winzer, Kellereien und Händler sind zahlendes Mitglied bei Wein-Plus um die Möglichkeiten nutzen zu können, die Wein-Plus bietet. Lesen Sie einmal, was dort unter der Rubrick „Zusammenarbeit“ angeboten wird. Ein tolles Angebot, an dem man nicht vorbeigehen sollte. Auch die Weinakademie Berlin ist dort Mitglied.

  9. Pingback: Schreiberswein | Unabhängiger Weinjournalismus in Gefahr?

  10. Der niedergehende Weinjournalismus hat nicht nur zur Folge, dass es immer schwieriger wird, interessante und journalistisch versierte Beiträge zu finden. Der Platz, den das Geschwurbel derjenigen bekommt, die heute auf den einen, morgen auf den anderen Wein schwören, in Wirklichkeit aber nichts als (Wein) verkaufen wollen, wird gleichzeitig größer und größer.

  11. Gestern, heute und in Zukunft ist es für mich möglich, gute und qualifizierte Informationen über das Internet abzurufen – zu jedem Thema – kostenlos !

    Wenn ich mehr möchte, wenn ich mich zurückziehen will, wenn ich archivieren muß, dann wird für mich Print auch weiterhin das vorziehbare Medium bleiben.

    Fakt ist, daß viele Offline Medien die Entwicklung des Internet lange Zeit unterschätzt haben, respektive nur halbherzig in diesen Kanal investierten.
    In unser leider schnelllebigen Zeit rächt sich so ein Fehler auch schnell.
    Hochglanzseiten, Fachjargon und Grand Crus Bewertungen treffen schon lange nicht mehr Herz und Seele der neuen Weinszene.
    Und die Verkostungsnotizen für die € 2,- Literflasche findet sich überall bei ciao, wer-kennt-wen und anderswo.

    Den journalistischen Jammerton der nun überall aufpiepst kann ich nicht mehr hören. Jahrelang habt Ihr alle dazu beigetragen, daß die breite Masse kein Interesse an dem ganzen elitären Geschwafel finden konnte.
    Jahrelang habt Ihr davon gelebt, daß begleitende Werbung Euer Brot gebacken hat, sozusagen journalistische Reinzuchthefe.

    Der Schreibstil mancher Authoren würde selbst die Bäckerblume noch in den Konkurs treiben.

    Machen wir uns nichts vor, wenn man sein Blatt über Jahre so führt, als wäre es ein Tannat aus dem Madiran, dann darf man sich nicht wundern, daß der Dornfelder aus der Pfalz plötzlich virtuell rechts vorbeizieht.

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