Jetzt wird es ernst FALSTAFF – der Herausforderer

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Das deutsche FALSTAFF seit gestern am Kiosk

Das deutsche FALSTAFF seit gestern am Kiosk

„Da ist was Neues für Sie“ sagte die Dame gestern morgen in meinen Schreibwarenlädchen, das zugleich die lokale Post-Agentur ist. Sie weiss schon, daß ich an allem mit Wein, Essen, Trinken und Reisen interessiert bin. Spätestens seit ich bei ihr ein paar mal hartnäckig nach EFFILEE gefragt habe. Das hat sie dann beim Grossisten bestellt. Der FALSTAFF kam von alleine. „FALSTAFF  ist Zuteilung“ meinte sie.  Da sieht man einmal, was es ausmacht mit 50.000 Exemplaren und dem Springer Pressevertrieb im Rücken zu starten. Dann gibt’s auch ein neues Geniesser-Magazin am Kiosk kurz vor der polnischen Grenze im äußersten Osten Berlins. Selbst BEEF vom Gruner und Jahr Verlag (Stern/Brigitte) hatte es nicht auf Anhieb bis hierher geschafft.

Im Internet wird schon eine ganze Zeit für die Deutschland Ausgabe des Falstaff getrommelt.  Am Tag vor dem Erscheinen gab es sogar 4 Spalten und ein großes Foto auf der Medien-Seite der Süddeutschen. Harald Schmidt bekam in der gleichen Ausgabe nur zwei. Auch wenn SZ-Autor Robert Lücke die Geografie der deutschen Weinanbaugebiete noch nicht so richtig beherrscht, machte er dennoch ein, zwei richtige Feststellungen: dass die verbleibenden deutschen Weinzeitschriften so schwach sind, dass ihre Auflagen noch nicht einmal vom Wegbrechen von Alles-über-Wein, Elle-Bistrot oder Wein-Gourmet profitieren konnten und dass sich ein immer größer werdender Teil  der aktiv Weinbegeisterten ins Internet verabschiedet hat, um dort über Weine, Winzer und Jahrgänge zu diskutieren.

FALSTAFF Verleger Rosam hatte zur Prowein verkünden lassen, FALSTAFF wolle „der Beste seiner Zunft“ werden.  Entsprechend groß waren die Erwartungen an die erste Deutschland-Ausgabe. Beim ersten Durchblättern merkt man dann doch schnell: auch hier wird nur mit Wasser gekocht. Das Wasser soll zwar auf hohem Niveau kochen:  FALSTAFF wolle eine Art VOGUE der Weinszene werden, wußte die SZ. Aber bei der Berichterstattung über Günther Jauchs Erwerbung des VDP Weingutes Othegraven fühlt man sich eher an die BUNTE erinnert. Das ist gar nicht soweit hergeholt: auf Seite 117 des neuen FALSTAFF schwärmt Patricia Riekel, Chefredakteurin der BUNTE vom „grandiosen Stadtflair“ von Paris und dem freien Geist der französischen Metropole. Und auch die schöne Jauch-Homestory ist wohl nicht ganz so exklusiv, wie angekündigt: am Tag vor Erscheinen des FALSTAFF waren Jauch und seine Frau Thea bereits in BILD als Neu-Winzer zu bewundern.

Beim weiteren Durchblättern kommt streckenweise der Eindruck auf, man habe sich in eine dieser Gratis-Küchenstudio Zeitschriften verirrt, deren Beiträge aus den Werbeabteilungen der Edel-Küchen-Hersteller kommen. Obwohl – die achseitige Hochglanz-Jubiläums Anzeigenstrecke von SieMatic findet sich in der Oktober-Ausgabe vom FEINSCHMECKER. Der FALSTAFF war den Küchen-Einrichtern aus Löhne nur eine Seite wert.

Auch die seitenlangen Tastingnotizen, die gerne mit STRAHLENDEM GRÜNGELB oder so anfangen und in 93 Punkten gipfeln, sind nicht besonders originell. Allerdings hat man darauf geachtet, daß selbst bei einem so  recycelingverdächtigen Thema wie FUNKELNDE ALPENWEINE (wir haben es ja hier mit dem deutschen Ableger eines erfolgreichen österreichischen Magazins zu tun) deutsche Bezugsquellen angegeben sind.  Dazu sind die Weine nicht bei irgendwelchen Krautern zu erhalten, sondern gleich bei Weinwolf und Co.

So könnte man jetzt die Baustellen dieser ersten deutschen FALSTAFF Ausgabe durchgehen. Oder auch den zugehörigen Internet-Auftritt analysieren.  Das macht aber wenig Sinn, denn bereits jetzt hört man aus den üblicherweise gut unterrichteten Quellen: weite Strecken des Heftes solle man vergessen, das zweite Heft zum Jahresende werde anders.

Ok. Wenn das so ist, dann wurde jetzt hier erst mal geübt. Und das ist gut so. Denn das Konzept kann aufgehen:  Genuß mit den Komponenten Wein, Gourmet, Reisen plus einer journalistischen Story (da hat mir die Trüffel-Geschichte in der aktuellen Ausgabe gut gefallen) und einem Schuß Boulevard neu zu definieren.  Damit ist FALSTAFF schon weiter als die Schweizer Gralshüter, die Hamburger Gesellschaftsreporter oder die Unentschiedenen aus der Pfalz.

Jetzt bin ich einmal gespannt darauf, ob FALSTAFF tatsächlich den „35-jährigen Weintrinker, der gerne gut isst, trinkt, reist und lebt“ (FALSTAFF Herausgeber Mahr) erreicht. Denn der scheint wirklich das scheueste aller Wein-Marketing-Ziele zu sein: alle postulieren, dass es ihn gibt, aber niemand hat ihn bisher gesehen. Die dicken und interessanten Fische, die der Wein-Marketer an Land zieht sind meist 10 bis 15 Jahre älter. Da wäre es gut, den FALSTAFF wie gehabt, einigermaßen seriös daherkommen zu lassen. Scherz, Satire oder Ironie verstehen die meisten Verbraucher im Zusammenhang mit Wein zum Leidwesen vieler Weinschreiber nämlich nicht.

Entschieden wird auf dem Platz“ hieß das früher. In diesem Sinne ist die nächste Saison mit einem neuen Mitspieler eröffnet. Der Herausforderer ist weniger glanzvoll gestartet, als erwartet. Trotzdem dürfen sich die Alt-Eingesessenen nicht zurücklehnen.  Schön gewinnt kein Spiel – ein Magazin zu machen ist Handwerk. Und FALSTAFF verzeichnet eine ganze Reihe anerkannter Handwerker im Impressum. Am Markt der Weinzeitschriften wird es spannend.

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2 Kommentare

  1. Es war tatsächlich noch nicht der große Wurf. Lassen wir uns mit 02/10 überraschen. Ich habe aber meinen Zweifel, ob es besser wird.

  2. Pingback: Food- und Gourmetportale lassen Printmagazine weit hinter sich

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