Letter from London: Die Weinbranche ist noch nicht über den Berg

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London Southwark - der Bauboom täuscht foto:mpleitgen

London Southwark - der Bauboom täuscht foto:mpleitgen

Das hier haben wir in drei Stunden abgelaufen“ sagte der Kollege mit dem ich frühmorgens von Berlin auf die Insel geflogen bin. In der Tat: die London International Wine Fair (LIWF) scheint die Schwindsucht zu haben. Viel abgzäunter leerer Raum, die Eventflächen riesengroß und viele einfach nicht da: kein Constellation, kein Gallo, kein DWI.

Um die Weinkonjunktur in UK ist es derzeit nicht gut bestellt. Schon auf der Hinfahrt hatte ich festgestellt, daß es „meinen“ Oddbins an Londonbridge, bei dem ich gerne auf einen Plausch unter Kollegen hineingeschaut habe, nicht mehr gibt. Oddbins ist pleite, den Nachruf hatte ich schon vor ein paar Wochen veröffentlicht.

Ich hör schon jemanden sagen „Geschieht ihnen ganz recht, den Briten, tun immer wichtig, saufen aber nur das billigste Zeugs!“ Ganz so ist es nicht – und außerdem ist die Lage viel ernster: nicht nur die Briten können sich High End Wine kaum noch leisten, auch in Gesamt Western Europe ist die Weinkonjunktur noch nicht wieder angesprungen.

Euromonitor Analyst Spiros Malandrakis zeigte in einem interessanten Vortrag, wie es aktuell um Europa bestellt ist: wir sind schlicht und ergreifend abgemeldet, die Dynamik und die Zuwächse im Wein laufen woanders. Auch wenn wir noch auf hohem Niveau konsumieren, der Markt stagniert und ist tendenziell rückläufig. Mengen und Preise sind fix, den Produzenten würde es allenfalls weh tun, wenn bei uns noch mehr wegbricht. Neugeschäft gibt’s nicht mehr.

Weltweinkonjunktur

Weltweinkonjunktur 2009/10 Vortrag Spiros Malandrakis bei der LIWF, credits:Euromonitor

Verläßliches Wachstum findet nur noch in Asien, Nord- und Südamerika statt. Konjunktur-Lokomotive in Europa ist Deutschland – und schaut man hin: bei uns jammern alle! Die Produzenten wegen kleiner Ernte und Frost und der Handel wegen der Unlust und Preisfokussierung der Konsumenten. Sieht so eine Lokomotive aus?

Nach der Prowein-Euphorie war London jetzt genau das Gegenteil. Trotz Schwindsucht trifft man viele Leute – diejenigen die immer da sind, weil sie da sein müssen. Man hat Zeit,  sich auszutauschen und man scheint sich einig zu sein, dass die Zeiten zunächst mal ziemlich tough bleiben. Das Motto heißt: Dran bleiben, an allen Ecken und Enden sparen, feilen, optimieren und noch besser werden.

Ein kurzes Gespräch mit Lenz Moser auf dem Gang: der Umzug an die Ahr ist perfekt. In jedweder Hinsicht, sagt er. Synergien heben, optimieren. Jeder macht, was er am besten kann.

London sagt mir: Die Mühen der Berge liegen hinter uns – es ist noch nicht klar, ob wir auf der falschen Seite wieder runtergerutscht oder auf der richtigen Seite angekommen sind. Hat die Kraxelei was gebracht? Wie auch immer: jetzt jedenfalls sind wir wieder in der Ebene  –  zähe Kleinarbeit ist angesagt.

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