Terroir Abend mit dem Weinkörper Theater Berlin

Terroir – Theater

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Letzte Woche war ich zu einem Bühnen-Talk beim Neuköllner Weinsalong mit dem Weinkörper Theater eingeladen. Beim „Terroir“ Abend gab es Musik, Diskussion, Theater und ein Wein- und Blutwurst-Tasting. Zur Vorbereitung hatte ich mir noch mal ein paar Statements zum Terroir angeschaut. Hier meine Notizen.

Terroir Abend mit dem Weinkörper Theater Berlin

Terroir Abend mit dem Weinkörper Theater Berlin foto:mpleitgen

Terroir als Hoffnung und Wunsch

Im Vorspann der Veranstaltung, auf dem Theater heißt ja oft Prolog – wurde schon vieles vorweggenommen. Terroir auf der einen Seite als Hoffnung, Wunsch nach Heimat und Wurzeln und auf der anderen Seite als Totschlag-Argument der Terroiristen und Maketingbegriff. Das Resümee: über Terroir sind lange Diskussionen geführt, Essays und ganze Bücher geschrieben worden und am Ende ist immer noch nicht klar, was Terroir ist.

Zwei Definitionen aus dem Netz

Dirk Würtz

„Das „T-Wort“…ich bin dafür das „i“ weg zu lassen, dann heisst es „Terror“ und trifft auch wirlich zu. Man, ich, der Konsument wird terro(i)risiert mit dem „T-Wort“. Ich weigere mich diesem Begriff in den Mund zu nehmen. Bei mir heisst das „HEIMATWEIN“. Dieser Begriff umschreibt exakt das, was ich von einem Wein mit qualitativen Anspruch erwarte. Er spiegelt den Weinberg, den Winzer und natürlich auch den Jahrgang wieder. Die besondere Betonung liegt hierbei auf dem Wort „QUALITÄT“. Massenweine können niemals Heimatweine sein.“ (auf talk-about-wine.de)

Mario Scheuermann

„… eine Situation, in der im Zusammenspiel zwischen der Reben den natürlichen Bedingungen und einer über lange Zeit gehenden Einflussnahme des Menschen ein selbst über starke Jahrgangsschwankungen nicht zu verleugnender eigenständiger Charakter eines Weins entsteht, ein Weintypus geprägt von der Handschrift des Winzers, den Eigenschaften der Rebe, den klimatischen Bedingungen und dies gebunden an eine bestimmte kleingeographische und kleingeomorphologische Struktur.“ (auf talk-about-wine.de)

Missverständnisse

Mißverständnisse zum Terroir, die die Moderatorin Inka Löwendorf ansprach oder aussprach: Terroir Wein gibt es nur in der der alten Welt, Terroir Wein ist immer teurer, Terroir Wein schmeckt besser, Terroir Winzer sitzen und leben auf ihrer Scholle

Die Terroir-Weine des Abends wurden von Alice Beckmann von Wein&Glas  charmant und professionell kommentiert. Sie kamen alle aus Deutschland, Dr. Loosen, Heymann-Löwenstein, Meyer-Näkel – zeigen aber, wie international man als Terroir-Winzer agieren kann: Dr. Loosen als weltweiter Botschafter für deutschen Wein und Meyer-Näkel als Winzer in Südafrika.

Braai kann Teil des Terroirs und der Identität sein

Mike Veseth stellte bei bei der Nederberg Auction vor wenigen Wochen fest, dass die „Terroiristen“ die Weinkultur in der Zeit des Massenkonsums bewahren und für eine Alternative stehen. Damit stoßen sie bei Teilen der Weinkonsumenten auf offene Ohren.

„Millennials and other “clean slate” consumers are predisposed to respond to the Terroirists’ Revenge message. They are seeking wine and a story about wine that connects them to the wine, to an engaging culture, to a rich and exciting lifestyle and ultimately to each other. It’s about the wine, but it’s not just about the wine.“

Interessanter Gedanke von Mike Veseth:  in Südafrika kann der traditionelle  Braii Bestandteil des Terroirs sein – er bringt eine ganz neue Dimension in die Diskussion.

„But the braai, I have learned, is not merely a food culture — and this is its magic. It is an expression of generosity and hospitality. If you ask someone to share your braai, you are opening your heart and your hearth to them, whether you are preparing a gourmet meal or more humble fare. If South African wines are seen as an extension of that warmth and engagement, they might well strike a sympathetic chord among American wine enthusiasts.“

Terroir – Theater

Im Theaterstück ging es um Reben, um die Wurzeln / Verwurzelung, den Standort / Standpunkt, die Heimat. So ganz klar wurde mir nicht, was im Stück der Streit um die klassische Antigone bedeuten sollte. Auf jeden Fall regte es zum Nachdenken an.

Antigone – eigentlich eine Geschichte vom zivilen Ungehorsam

Der Moral mehr gehorchen als dem weltlichen Herrscher

So groß
Schien dein Befehl mir nicht, der sterbliche,
Dass er die ungeschriebnen Gottgebote,
Die wandellosen, konnte übertreffen.
Sie stammen nicht von heute oder gestern,
Sie leben immer, keiner weiß, seit wann.
(Sophokles, Antigone 442)

Übersetzt: Wein so machen, wie er sein soll – dem Terroir folgen und nicht dem Markt

Sind Markt und Terroir die richtigen Gegensätze?

Früher waren alle Weine Terroir-Wein. Der Wein des Winzers versus der Wein für den Markt.

Terroir als Perspektive des Anbaus – Handelsweine als Perspektive vom Markt

Blutwurst ist genauso international wie Wein

Aus dem Orient von den Mauren nach Europa, nach Frankreich gebracht – Blutwurst-Tradition aus Frankreich von den Hugenotten nach Berlin. Auch ein „Import-Produkt“ wie die Blutwurst kann Bestandteil eines Terroirs werden: Buletten, Eisbein, Curry-Wurst und eben Blutwurst stehen für Berlin.

Die Blutwurst von der Blutwurstmanufaktur in Neukölln ist jedenfalls klasse,  wie die kleine Probe anschließend zeigte.

Blutwurst ist heute in der Sterneküche zu finden – steht eher für einfache Genüsse. Sie steht aber auch für Martialisches. In der  Hymne der Fremdenlegion spielt sie eine zentrale Rolle.

Genau wie Wein – auch Terroir-Wein – braucht Blutwurst Marketing. Dafür ist bei der Manufaktur ex N-TV Journalist und Mitinhaber Mathias Helfert zuständig. Eine seiner Spruch-Postkarten habe ich mitgenommen: Ich esse Blutwurst, also bin ich.

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2 Kommentare

  1. Ist Terroir moralisch? Ich denke nicht. (Heymann-Löwenstein widmet dieser Frage einen interessanten Passus in seinem Terroir-Buch.) Eigentlich ist Terroir ja die ganz amoralische Lust, das eigene zu schmecken, und nicht unbedingt das Gute, Leckere, Richtige. Auch nicht das Falsche. Es schmeckt einfach so. Es ist einfach da. Vielleicht nicht vermarktbar. Vielleicht besonders gut. Egal. Performanz contra Semiotik: Antigone wurde auch viel zu lange (nämlich von den deutschen Moralphilosophen) als Drama der Moral gelesen. Das Spannende ist, das in diesem antiken Drama zwei Welten aufeinanderprallen, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben. (Geschrieben in einer Zeit, als die ersten abstrakten Denk-, Wirtschafts-, und Rechtssysteme entstanden.) Da redet ein Mädchen sehr grundlos, zeitlos und sehr lyrisch-tragisch über Grund (Boden)… und Erde und trifft auf einen Staatslenker, der mit sehr klaren Argumenten zur witschaftlichen und politischen Raison aufruft. Trotzdem möchte man doch lieber den lyrisch-tragischen Wein trinken, oder? Eine Geschmacksfrage.

    Antigone:
    Ihr seht mich, oh Bürger der Vatererde,
    wie ich den letzten Weg
    gehen muss und zum letzten Mal
    darf erblicken Helios` Licht
    und nie wieder. Treibt mich doch allbettend,
    Hades lebenden Leibs hin zum Sand,
    zum Sand am Fluß der Unterwelt.
    Und kein Brautlied erklang mir, auch kein Gesang
    ward zu meiner Vermählung gesungen.
    Die Braut der Erde darf ich nun sein.

    Ich hörte, wie jämmerlich umgekommen,
    Phrygiens Fremde einst
    Tantalos Tochter an Sipylos` Höhen.
    Die tiefe Spalte zum Hades im Stein.
    Wie Efeu, wie Reben klammert sie sich fest.
    Oben unten, dehnt sich, rankt, nah am Zerreißen.
    Und der Fels wächst langsam,
    rinnt um die schmerzerfließende Frau.
    Regenströme zehren an ihr, Schnee.
    Und das Nass entströmt auch ihr, ihren Wimpern.
    So netzt sie die Klippen.
    Und auf mich, ja auf mich,
    wartet jetzt auch dieses Bett im Stein!

    hmmm… schmeckt gut, finde ich.

    • Das ist es eben: Terroir ist zu einem Kampfbegriff geworden – es soll für das Gute, Leckere, Richtige, Schöne und Wahre bürgen. Ich sehe das eher wertfrei als das Zusammenwirken der „six factors“ Klima, Boden, Rebsorte(n), Weinbau, Keller und Winzer. Habe es an dem Abend erwähnt, es wäre aber vielleicht zu technisch gewesen, es da noch auszubreiten.

      Mit eurer Antigone habe ich immer noch ein bißchen Schwierigkeiten – bin halt mit der Anouilh Interpretation aufgewachsen (Abi 1972). Und da ging es um Widerstand gegen diktatorische Herrschaft und Besatzung.

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