Wein pouches foto:Astrapouch

Wein aus der Tüte hat Zukunft

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An der Technik liegt es nicht, dass alternative Verpackungen beim Wein immer noch so wenig Zuspruch finden – so Christoph Schüßler  von der Forschungsanstalt Geisenheim in seinem Vortrag beim Weinbaukongress in Stuttgart.

Wein pouches foto:Astrapouch

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Die Geisenheimer hatten Bag-in-Box (BIB), PET Flaschen, Pouches (flexible Kunststoff-Beutel) und Alu-Dosen mit Glas-Flaschen verglichen. Die alternativen Verpackungen haben sich zu einer echten Alternative entwickelt.

49% der Energie, die aufgewendet werden muss, um eine Flasche Wein auf den Tisch zu bringen, wird bei der Herstellung der Glasflasche verbraucht. Ein weiterer beträchtlicher Energiefresser ist der Transport. Auf den ersten Blick sind die alternativen Verpackungen da deutlich energie- und umweltfreundlicher.

Leider keine komplette CO2 Bilanz

Viele Kongressteilnehmer hatten eine komplette CO2 Bilanz für die einzelnen Verpackungen erwartet – die konnten die Geisenheimer leider nicht präsentieren. Interessant ist aber, dass  fast alle Verpackungen der Glasflasche aus technologischer Sicht ebenbürtig sind. Das heißt, aus Qualitätsgründen spricht nichts dagegen, sie für Wein zu verwenden.

Bier- und Wasserflaschen in Pfandsystemen halten bis zu 50 Umläufe aus. Großflächige Rückholsysteme für Weinflaschen sind zu aufwendig – daher wird Wein fast ausschließlich in Neuglas gefüllt.

Glas wird bundesweit in 300.000 Containern gesammelt. 87% des Glases wird zur Zeit recycelt. Bei der Herstellung von Flaschen aus recyceltem Glas wird weniger Energie verbraucht. Recyceltes Material wird bei Grün- und Braunglas verwendet – für die Herstellung weißer Flaschen kann kaum recyceltes Glas nicht verwendet werden.

PET ist bei Getränken vorne

Der Einsatz von PET bei Getränkeflaschen ist rasant gestiegen. Bei Wasser, Fruchtsaft und Softgetränken liegt er bei über 80% . PET-Flaschen lassen sich auch für Wein verwenden. Mit einer entsprechenden Oberflächenbehandlung und einem Verfahren zur Sauerstoffelemination hält sich Wein darin genauso gut wie in Glasflaschen. Das ergaben Tests in Geisenheim.

Die Lufthansa testete PET Liter-Flaschen in ihren Flugzeugen. Dabei wurden pro Flug 27,4 kg Gewicht eingespart. Der Einsatz sparte auf allen Flügen in einem Jahr 180.000 Euro an Kerosin. Die Lufthansa war zufrieden und die Fluggäste ebenfalls: da ausgeschenkt wurde, wussten sie nicht, dass sie Wein aus Plastik im Glas hatten.

BIB haben ein Image-Problem

Bag-in-Box schlagen in der Energiebilanz  bei der Herstellung und beim Transport ebenfalls die Glasflasche. Ein großer Vorteil für den Verwender: auch nach Anbruch bleibt der Rest-Wein lange haltbar. Die anfänglichen Probleme mit Oxidation und der Gasdurchlässigkeit der Folien sind mittlerweile gelöst. Auch der Abbau der freien SO2, die den Wein schützt, liegt jetzt ähnlich wie bei der Flasche. Langzeittests in Geisenheim ergaben nach einem Jahr minimale analytische Unterschiede zum Glas – sensorisch machten sie sich nicht bemerkbar.

Leider hätten etliche Großkellereien das BIB Image in Deutschland ruiniert, indem sie Billigweine darin angeboten hätten, meinte Schüßler. In den nordischen Ländern gebe es dieses Problem nicht. BIB Weine seien dort weitgehend akzeptiert. Es sei zu beobachten, dass sich das Image bei uns aber wieder verbessere.

Aus technischer Sicht sind Pouches ähnlich zu beurteilen wie die BIBs.

Die Prosecco Dose

Die Alu-Dose bietet Vorteile beim Gewicht, bei der Kühlung und beim Recyceling. Schüßler gab zu bedenken, dass die Alu-Herstellung in hohem Masse umweltschädlich sei: der Verbrauch seltener Erden und jeder Menge Energie schlage deutlich negativ zu Buche. Für Getränke, auch für Wein, eigne sich die Dose aus technologischer Sicht gut. Jedoch habe sie nur in einem ganz kleinen Prosecco-Segment eine gewisse Bedeutung.

Emotion versus Technik

An der Technik liegt es nicht – der Verbraucher ist aber (noch) nicht bereit für Wein aus alternativen Verpackungen, so die Zusammenfassung. Technik und Emotionen finden sich bei diesem Thema im Widerstreit. Die Glasflasche wird auch weiterhin mit Abstand bei uns die Nummer eins bleiben. Den BIBs werden Chancen bei größeren Gebinden wie 3, 5 oder 10 Litern eingeräumt.

In Ländern, in denen es bisher keine Weinkultur gibt, sehen die Forscher allerdings große Chancen für alternative Verpackungen. Zur Zeit sei die Nachfrage aus Russland und China schon recht bedeutend. Auch in Großbritannien haben sie sich fest etabliert.

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2 Kommentare

  1. Es gelingt in Deutschland nicht die alternativen Verschlüsse zu etablieren und jetzt beschäftigt man sich schon mit dem Behältnis. Solange die meisten Verbraucher sogar (miesen) Presskork dem Kunststoff-, Kronkorken und Schraubverschluss vorziehe, ist das Thema nicht soooo wichtig.

    Alu -> Prosecco darf nicht mehr in Dosen verkauft werden. Hier ist sicher Perlwein gemeint :-)

    BIB/Kunststoffschläuche -> Die Vorteile liegen auf der Hand. Nur wer die Vielfalt kennengelernt hat und schätzt, wird mit diesen Großgebinden nicht glücklich. Das BIB teilweise recht erfolgreich ist, liegt wohl eher an kleinen Wohnungen und der Be- und Entsorgungsproblematik in größeren Städten. Das Gewicht BIB 5l -> 5,5kg, entspricht in Glas in etwa 10kg oder sogar noch mehr. Es stellt sich natürlich die Frage, ob Weichmacher usw. siehe PET herausgelöst werden!

    Nordische Länder: Liegt die höhere Akzeptanz vielleicht an dem anderen Einkaufsverhalten? Auf Grund der geringeren Dichte von Einkaufsstätten und der damit verbundenen Entfernung wird logischer Weise mehr auf Vorrat eingekauft.

    PET – geschmacksneutral, das glaube ich vom Prinzip her, aber: http://youtu.be/oRMMAE1kp9M
    Lufthansa ist keine Entscheidung für die Qualität, sondern um Geld zu sparen!!!

    • Danke für die Anmerkungen, Herr Cordes!

      Genau zu diesen Themen hätten viele Teilnehmer beim Kongress-Vortrag gerne mehr gewußt – leider haben die Geisenheimer die CO2 Bilanz und viele andere Aspekte nicht untersucht.

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