Alkohol:Populismus bringt keine Lösung

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Von Alkohol- und Gewalt-Exzessen im öffentlichen  Raum zu berichten, dazu hatte die Sonntags-FAZ hatte ihre Leser aufgerufen. In der Ausgabe vom 11.10. wurden jetzt 10 Berichte unter „Geschlagen, bedroht und alleingelassen“ abgedruckt. Bedrückende Schilderungen von Erlebnissen in der Bahn oder auf der Strasse. Die Überschriften sprechen ihre eigne Sprache und erzeugen eine Atmosphäre der Bedrohung. „Faustschläge“, „Keine Hilfe“, „Vertrieben“, „Aufgegeben“, „Flucht“ oder „Kriegsgebiet“.

Ergänzend stellt Philipp Eppelsheim im Hauptkommentar der FAS fest, der Alkohol habe sich zusammen mit den Tätern den öffentlichen Raum erobert. „Angesichts der betrunkenen Gruppen, die durch die Straßen ziehen und die öffentlichen Plätze zu ihrem Territorium erklären, schweigt man“, schreibt er. Im Folgenden plädiert er für ein Alkoholverbot in der Öffentlichkeit wie in den USA, wo man mit einer Bierflasche in der Hand auf der Straße eine Nacht im Gefängnis riskiere. Wer gegen ein generelles Alkoholverbot sei und zum Beispiel das nächtliche Alkoholverkaufsverbot in Baden-Württemberg in Frage stelle, verhelfe „dem Recht des Stärkeren zum Durchbruch. Dem Recht des Brutaleren, Des Enthemmten. Des Betrunkenen“.

Diese Art von Polemik hat in der Alkoholdiskussion gerade noch gefehlt. In einer ähnlich brisanten und emotional aufgeladenen  Frage zeigt gerade ein Herr Sarrazin, wie man in der Öffentlichkeit mit Populismus reüssiert.

Aber zum Problem an sich: Selbst konservative Drogen-Bekämpfer sind sich darüber einig, dass es wenig bringt, nur an den Symptomen zu kurieren. Es geht vielmehr darum, an die Wurzeln zu gehen und die liegen wesentlich tiefer. Dazu gehören perspektivlose Jugendliche, denen die Gesellschaft nichts anzubieten hat. Psychische und soziale Gewalt, die aus Jugend-Arbeitslosigkeit und unsicherer Zukunft entsteht. Verstärkt durch sich auflösende Strukturen in Familie und Gemeinwesen.

Dazu gehört zum Beispiel auch, dass die S-Bahn Berlin in den letzten Jahren die Aufsichten auf den Bahnhöfen wegrationalisiert hat. Dort ist jetzt niemand mehr. Sicherheit wird durch Kameras suggeriert. Kameras verhindern aber eben keine Gewalt, wie wir aus zahlreichen Beispielen wissen. Sie schrecken Gewalttäter nicht ab, machen uns alle zu Zuschauern und erleichtern manchmal der ebenfalls personell gestrafften Polizei die Arbeit. Das Berliner Beispiel ist symptomatisch: Der öffentliche Raum wird aus Kostengründen preisgegeben. Aus den selben Gründen werden Jugendzentren geschlossen und Straßenarbeit zurückgefahren. Plätze und Brunnen werden den Bürgern „zurückgegeben“, die damit leider nichts anzufangen wissen.

Wenn die FAS Redakteure sich einmal informiert hätten, wüssten Sie, dass die Weinbranche bereits aktiv geworden ist. Sie könnten zum Beispiel bei Wine in moderation.eu nachlesen, dass uns bewusst ist, dass jeder vierte Todesfall bei jungen Männern, jeder zehnte Todesfall bei jungen Frauen im Alter zwischen 15 und 29 Jahren in Europa mit Alkohol zusammenhängt. Sie wüssten, dass wir das als übergreifendes gesellschaftliches Problem sehen. Sie wüssten, dass wir in jedem unserer Seminare mit Kolleginnen und Kollegen darüber diskutieren. Sie hätten unsere Aufrufe zu maßvollem Konsum mitbekommen.

Wir sind der Ansicht, dass Aufklärung not tut, dass Bewusstsein geschaffen werden muß. Wir plädieren für nichts weniger, als eine neue Einstellung der Gesellschaft zum Alkohol. Wir haben bei uns und unseren Leuten schon einmal angefangen. Und wir würden uns über Unterstützung auch durch die Sonntags-FAZ freuen.

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