Die Zeit der Wein-Gurus ist vorbei – Jancis Robinson im Gespräch

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JancisRobinson

Jancis Robinson foto:mpleitgen

Was kann man alles fragen, wenn man eine Stunde hat, sich mit der erfolgreichsten Wein-Autorin zu unterhalten? Ich hatte wenig Zeit für die Vorbereitung auf das Gespräch mit Jancis Robinson. Im Flieger noch ein, zwei etwas grundsätzlichere Artikel zur Rolle der Wein-Kritik und der Wein-Autoren von ihr. Und dann: “Hello, pleased to meet you!“

Von dem Moment an volle Aufmerksamkeit, absolut professionell. Die Frau ist nicht nur der bekannsteste Master of Wine, sie ist  Medien-Unternehmerin, ständig für Wein engagiert, aber damit gleichzeitig auch ständig in eigener Sache unterwegs. Schnell wird klar, dass sie das Geschäft beherrscht, wie kaum ein anderer. Sie schwärmt von Südafrika, von ihrem letzten Besuch, von den Leuten und den Weinen, die es dort zu entdecken gibt.

Und sie ist an Details interessiert, als wir auf ein Land zu sprechen kommen, wo sie noch nicht war. „Wie machen die das in Georgien mit den Amphoren? Haben Sie das gesehen? Werden die eingegraben?“

Doch dann zu den ernsthafteren Themen: Warum werden international immer weniger Weinbücher veröffentlicht?

Die Verleger und auch der Handel sind mit neuen Projekten sehr vorsichtig geworden. Wein verlangt nach Hardcover und vierfarbigen Fotos. Aufwendig und teuer. Außerdem ist das System Autor – Verleger – Händler sehr schwerfällig: Traditionell brauchen Verleger und Buchhandel viel Abstimmungszeit und Vorlauf für ein neues Buch, dessen Erfolg zu diesem Zeitpunkt ungewiss ist. Zu viel Zeit und zuviel Aufwand für manche Autoren. Deshalb gibt’s jetzt auch im Wein die ersten „Self-Publishers“, die die Produktion und den Verkauf/Vertrieb in die eigene Hand genommen haben. Als sie davon spricht, schwingt Bewunderung für diese Pioniere mit. Ist das ein Teil der Zukunft? „Ja sicher. Ich sage das, auch wenn hier jemand von Verlegerseite mit dabei ist. Dabei sind Sie in Deutschland noch gut dran. Die Gespräche mit Verlegern über neue Buchprojekte gestalten sich in anderen Ländern zur Zeit weitaus schwieriger. Die Zurückhaltung der Verleger ist verständlich in Zeiten, in denen Amazon und Co massiv auf elektronische Bücher setzen. Für konventionelle Buchprojekte wird es immer schwerer.“

Nicht nur in Deutschland mussten wir uns in der letzten Zeit von einer Reihe Weinzeitschriften verabschieden. Der Platz für Wein in den meisten Zeitschriften ist kleiner geworden, zum Teil sind Kolumnen ersatzlos gestrichen worden.

Hier sieht Robinson in erster Linie ein ökonomisches Problem als Ursache: die Weinbranche generiert nicht genügend Anzeigenvolumen, um ganze Zeitschriften, Seiten oder auch nur Kolumnen zu finanzieren. Das ist für sie ein ganz einfaches Rechenexempel. Ihre gut laufende eigene Kolumne in der Financial Times sieht sie ein bisschen kritisch. „Es ist klar, dass dort vorwiegend Premium-Weine besprochen werden müssen. Viele Leser wollen wissen, wofür sie eventuell ihr Geld anlegen. Da kommen dann die Weine für jeden Tag zu kurz – und es sieht aus, als würde ich mich nur mit Premium beschäftigen.“

Könnte es auch sein, dass sich die Ansprüche der Verbraucher in den letzten Jahren verändert haben? Dass das Informationsbedürfnis nachgelassen hat?

„Das Interesse ist nach wie vor da. Dafür sprechen die zahlreichen gut besuchten Wein-Veranstaltungen. Vielleicht gibt es zwei Arten von Interesse: Basis-Wissen für Leute, die den Wein für sich entdecken und auf der anderen Seite mehr Hintergrund und Details für eine kleinere Gruppe, die sich intensiv mit Wein beschäftigt.“

Das richtige Konzept ist vielleicht noch nicht gefunden. Wohl deshalb entstehen parallel zum Magazin-Sterben immer wieder neue Projekte: Effilee oder Beef sind Beispiele, Falstaff aus Österreich startet im Herbst mit einer deutschen Ausgabe, Terre des Vins gibt es jetzt seit einem Jahr national in Frankreich. Wie sieht die Zukunft des Weinjournalismus aus?

Ein langer Blick aus dem Fenster. „Auf jeden Fall wird spezialisierter geschrieben werden müssen, für kleinere, interessierte Lesergruppen, mit mehr Details, mehr Wissen. Das passiert dann nicht mehr auf den großen Plattformen. Die werden ja immer weniger. Vieles wird online passieren. Das tut es jetzt schon.“ Robinson ist davon überzeugt, das online ein wichtiges Medium , wenn nicht das wichtigste im Weinjournalismus werden wird. „Das ist eine andere Art des Schreibens, eine andere Art des Kommunizierens. Dafür muss man offen sein und das muss man können. Die Zeit der Wein-Gurus ist definitiv vorbei. Das waren die Zeiten in denen man seine Meinung in Artikeln, Kritiken, in Zeitschriften, Büchern oder im Fernsehen veröffentlicht hat. Da gab es keinen Rückkanal. Ab und an einmal einen Leserbrief. Heute müssen wir uns selbst der Kritik stellen. Jeder kann seine Meinung neben unserer veröffentlichten und wir müssen beweisen, was wir wert sind. Das liegt nicht jedem.“

Wenn die Zeit der Gurus vorbei ist, was müssen Weinjournalisten tun, um gelesen zu werden, um im Geschäft zu bleiben?

Sie müssen dem Leser etwas bringen. Sie müssen zeigen, dass sie mehr können, als über Weine zu schreiben. Details und Hintergründe gehören dazu. Lange Listen mit Verkostungsnotizen sind nicht die Zukunft.“ An anderer Stelle sagte sie kürzlich, Weinjournalisten müssten heute auch gute Redner sein und Leute vom Wein begeistern können. Denn mehr und mehr verlagere sich auch das Geschäft der Journalisten hin zu Events.

Für Robinson hat online schon heute viel verändert. Sie nutzt die Kommunikation mit den Lesern über ihre Website, die Purple Pages.

„Online kostet viel Zeit. Aber ich habe dabei auch viel von meinen Lesern gelernt. Das direkte Feedback ist mir sehr wichtig. Das ist die schönste Belohnung für meine Arbeit.“ Außerdem schätzt sie die Möglichkeit, Verkostungsnotizen ins Netz zu stellen. „Da gibt es keine Platzprobleme, wie in einer Zeitschrift oder Zeitung. Ich probiere in der Regel viel mehr, als ich dort veröffentlichen kann. Jetzt stelle ich alles ins Netz und jeder kann alle Ergebnisse nachschauen.“

Einen Teil der Purpel Pages gibt es auch in chinesischer Übersetzung. Wie wichtig ist für Jancis Robinson China? Ist das der Markt der Zukunft?

„Die Chinesen entdecken Wein, stehen aber erst am Anfang. Merkwürdig ist, dass die Chinesen sehr gerne und ausgiebig über Essen diskutieren – beim Wein wird dagegen alles so genommen, wie es aus Europa oder Übersee kommt. Da wird wenig hinterfragt, obwohl es bereits jede Menge Weinfälschungen gegeben hat.“ Als Wein-Produzenten sieht sie die Chinesen nicht: „Sicher gibt es Potential, aber einen wirklich bemerkenswerten Wein habe ich von dort noch nicht verkostet.“ Hongkong ist ein bedeutender Handelsplatz für Wein geworden. Aber auch wenn dort die höchsten Auktionsergebnisse erzielt werden, von einer wirklichen Weinkultur sei man doch noch weit entfernt, meint sie.

Dieses Jahr ist sie öfter in Deutschland als in Asien. Wie ist ihr Verhältnis zu deutschem Wein?

„Deutsche Rieslinge gehören für mich zu den größten Weissweinen überhaupt. In den letzten Jahren hat sich in Deutschland immense Qualität aufgebaut. Schade, dass das Bild vom deutschen Wein in Großbritannien und auch den USA immer noch durch die Großabfüller bestimmt wird und sich die Importeure sowenig um Qualität aus Deutschland bemühen.“ Sie freut sich, zur 100 Jahr Feier des VDP in Berlin sein zu dürfen. „Der VDP, das sind die Leute, die seit einem Jahrhundert die Fahne der Qualität hochhalten.“

Das Gespräch fand am 7. September 2010 anlässlich der Vorstellung der Neuausgabe des „Jancis Robinson Weinkurses“ in Berlin statt. Das Buch ist im Hallwag Verlag unter dem Titel „Das Hallwag Handbuch Wein“ erschienen.

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