Oft ganz schön un scharf - Wein in den Sozialen Medien foto:mpleitgen
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Schöne neue Wein-Medien

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Jedes Vierteljahr wird wieder über die sinkenden Zahlen der Weinpresse berichtet – toughe Zeiten für PR- und Presseleute, die für die Weinbranche arbeiten. In diesen Kreisen hat man sich allerdings schon lange von der Konzentration auf Weinpublikationen verabschiedet.

Oft ganz schön un scharf - Wein in den Sozialen Medien foto:mpleitgen

Oft ganz schön un scharf – Wein in den Sozialen Medien foto:mpleitgen

Je nach Auftraggeber wird eher auf „Meine Familie und ich“ oder „Essen & Trinken“ gesetzt oder man freut sich über einen Abdruck in der „Gala“. Inzwischen verstehen es auch immer mehr Agenturen auf der Klaviatur von Internet und Social Media zu spielen.

Wein hatte noch nie so viel Platz in den Medien

Schaut man sich die Postings zur letzten VieVinum oder selbst zu solch für den deutschen Markt relativ unbedeutenden Ereignissen wie Millesimes Alsace  in Colmar diese Tage an, kann man den Eindruck gewinnen, Wein habe noch nie soviel Aufmerksamkeit und Platz in den Medien gefunden, wie zur Zeit. Gegenüber den alten Print-Zeiten hat sich Einiges geändert, aber es ist schwer zu sagen, ob es sich unbedingt zum Besseren gewandelt hat.

Im Netz hauen überwiegend „Bürger-Reporter“ in die Tasten oder drücken auf den Auslöser. Deren Beiträge sind für kleines Geld zu bekommen: oft reicht eine Einladung – man fühlt sich geehrt, dabei sein zu dürfen. Als Maximal-Investition tut es ein Ticket oder eine Gratis-Übernachtung. Dafür gibt es dann reichlich Coverage – meist in schnelllebigen Kanälen wie Facebook oder Twitter. Inhalte: man freut sich, bekannte Namen und Etiketten wieder zu sehen, gut zu essen und zu trinken, zu feiern oder einfach wichtig zu sein. Alles menschliche, all zu menschliche Eigenschaften, die dort im Hintergrund wirken.

Positiv, freundlch, unterhaltend

Mittlerweile wissen wir, dass diese Art von Postings „kanal-immanent“ ist – auf Facebook ist Positives, Erfreuliches, Unterhaltendes eben erfolgreicher als lange Texte oder kritische Anmerkungen. Auch Blog-Beiträge, in denen bekannte Namen und Marken abgehandelt werden, ziehen mehr likes und Leser an. Gute Voraussetzungen also, dass eingesetzte PR-Mittel im Netz gute, sprich positive, Früchte für die Agentur bringen.

Was wir in diesen Kanälen heute über Wein zu lesen bekommen, ist oftmals PR-induziert und frei von selbstständig recherchierten und bewerteten Fakten. Inhalte fachlicher Natur bleiben oft auf der Strecke – weil sie nicht in den Kanal passen oder der Autor sich damit schwer tut. Wikipedia reicht eben nicht. Auch Neues hat es in diesem Kontext schwer – entgegen den Erwartungen, die einstmals die Demokratisierung der Berichterstattung im Netz weckte.

Neues hat es in den neuen Medien schwer

Wer meint, die These von PR-Überflutung und der damit einhergehenden Verflachung im Netz sei aus der Luft gegriffen, sehe sich einmal die „Bürger-Reporter“ Beiträge zur Prowein oder der Großen Gewächs Vorstellung des VDP an. Da werden bei der Prowein unter 4.830 Ausstellern die längst bekannten Namen „entdeckt“ und in den Postings zur VDP Verkostung kann man blind darauf wetten, alle Jahre wieder als erstes mit Battenfeld-Spanier oder Wittmann konfrontiert zu werden.

Alles nur eine rein private Spaß-Veranstaltung?

Formale und inhaltliche Qualität? Da waren einmal die Text- und Bildredakteure, die Texte lasen, hinterfragten, im besten Fall mit dem Autor diskutierten und /oder relevante Fotos heraussuchten. Leider gibt es diese Art von Qualitätskontrolle nicht mehr – auch im Print darf man danach suchen. Am Ende haben sie doch der Qualität genutzt.

Trennung von PR / Werbung und Inhalt? So gut wie bei keinem Weinblogger oder Facebook-Autor findet sich ein Hinweis, von wem er unentgeltlich Waren oder Dienstleistungen zur Verfügung gestellt bekommt. Ist ja am Ende doch alles nur eine rein private Spaß-Veranstaltung – wie kürzlich ein juristisch unter Druck stehender Webseitenbetreiber zu seinen Aktivitäten verlauten ließ?!

Wer sich heute fachlich informieren, Hintergründe kennenlernen oder sich abseits vom Mainstream umschauen möchte, ist mehr denn je darauf angewiesen, selbst aktiv zu werden, tatsächlich in Person vor Ort zu sein, Quellen zu studieren und zu bewerten und sich ein eigenes Bild zu machen. Natürlich gibt es auch im Netz fachlich fundierte, verantwortungsbewußte Beiträge – die Masse sieht leider anders aus.

Alle sind gefordert, kritischer zu sein

Sicher ist für all das niemand persönlich verantwortlich zu machen, es hat sich eben so entwickelt und wir müssen damit leben. Trotzdem ist es an der Zeit, kritischer mit dieser neuen Öffentlichkeit umzugehen. Das kann bei den Agenturen bedeuten, nicht nur auf likes zu schauen, sondern einmal zu überdenken, welch kurzfristigen Jubel man sich da zum Teil einkauft. Bei den Autoren, verantwortungsvoller zu handeln, ehrlich zu sein und Ross und Reiter zu nennen. Und bei den Lesern kritischer zu werden und sich der Mechanismen und des manipulativen Charakters der neuen Wein-Medien bewusst zu sein.

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7 Kommentare

  1. Ich stimme ihnen zu, es wird eine ganze Menge über Mainstreamweine und deren Hersteller geschrieben. Die sogenannten Bürgerreporter, also Blogger, machen es aber nur den großen Vorbildern nach. Auch die kommen eher mit bekannten Namen in ihren Blogs daher und freuen sich auf ein gemeinsames Bild mit einem Weinmacher von Robert Weil, statt eines Bildes mit einem kleinen und unbekannten Winzer aus der Pfalz.

    Wein ist ein totales Netzthema geworden, weil das Netz die Hemmschwelle des Expertentums eingerissen hat. Früher ging es zum Weinkauf in den ReWe, da hat wenigstens keiner doofe Fragen gestellt, die man nicht beantworten konnte, weil es doch nur eine gute Flasche Wein für Opa sein sollte. Zum Winzer ist erst recht keiner gefahren, weil auf deutschen Weingütern einem früher eher der Winzerhund ein Loch in die Hose gebissen hat, anstatt einem eine Weinprobe angeboten wurde. Das hat sich heute alles gebessert, weil das Netz auch beim Thema Wein für eine „Sozialisierung“ des Themas gesorgt hat.

    Niemand muss mehr Angst haben sich zu blamieren, wenn einem in einer Weinhandlung der Verkäufer einem Verhör unterzieht. Im Netz können Meinungen und Bewertungen nachgelesen werden. Preise können verglichen werden und auch das Gerücht „guter Wein muss teuer sein, bzw. nur teurer Wein ist gut“, kann und wird durch das Netz widerlegt.

    Es ist für Weinjournalisten, ebenso wie für alle professionell Schreibenden, eine schwierige Situation, wenn der Habitus des Experten plötzlich nicht mehr allein durch das geschriebene Wort in einem Hochglanzmagazin Bestand hat. Noch schlimmer sind die Widerworte aus der Netzgemeinde. Wobei kritische Weinblogger eher weniger gehör finden, weil die großen Blogger auch im Netz dafür sorgen, dass die PR-Karawane ihren Weg zieht.

    Die geforderte Trennung von Werbung/PR und Redaktion ist doch gerade im Bereich Wein, Lifestyle, Reisen, Gourmet kaum durchsetzbar, weil kein Verlag und auch kein Redakteuer bereit ist die „Produkte“ um die es geht selber zu zahlen und dann einen Artikel zu schreiben. Das wäre eine unabhängige Berichterstattung, aber die findet, so meine Erfahrung kaum statt. Warum werden exotische Ziele und Weine der neuen Welt gerne als Vorlage für Sonderhefte genommen? Weil die Redaktuere dann mit Hilfe der Fremdenverkehrsämter und Wirtschaftsförderungen endlich mal in der Business-Class fliegen können und in aller Ruhe recherchieren können.

    Einem Blogger dann vorzuwerfen er würde PR-Schreiberei betreiben, weil er eine Pulle Wein, ein Ticket oder eine Übernachtung annimmt ist etwas übetrieben, denn sie haben eben große Vorbilder.

    • Hallo Herr Meier,
      danke für den ausführlichen Kommentar! Klar funktioniert online an dieser Stelle wie Print – letztlich geht es ums Geschäft. Und da würde es mich freuen, wenn einige der Online-Schreiber das auch endlich mal zugeben würden. Michael Pleitgen

  2. Pingback: Linkdump vom Fr, 20. Juni 2014 bis Mo, 23. Juni 2014 Links synapsenschnappsen

  3. Vielen Dank für die Erwähnung meines Beitrags im Blog. Leider haben doch recht viele (vor allem „neue“) Blogger aus den unterschiedlichsten Bereichen kein wirkliches Bewusstsein dafür, warum eine fehlende Kennzeichnung gekaufter Beiträge nicht nur „verboten“ ist, sondern vor allem Betrug am Leser darstellt.

    Andere wiederum vermerken jegliche Zusammenarbeit mit Unternehmen sehr transparent. Nur so kann der Leser selbst beurteilen, wie er welchen Produkttest einschätzen möchte.

  4. Sehr geehrter Herr Pleitgen,
    Ihr Beitrag impliziert, dass vor den Internet-Medien die journalistische Welt noch in Ordnung war sowie publizistische Standards in der Print-Branche die Regel waren. Übrigens: Was sagen Sie eigentlich zum aktuellen Falstaff-Guide, der Berichterstattung gegen Cash liefert?
    Darüber hinaus werden weder „Ross und Reiter“ zu Ihren aufgestellten Thesen zum behaupteten Verfall der journalistischen Sitten genannt und Blogger überwiegend als „Bürger-Reporter“ diskreditiert.
    Ihr Lamento „Früher war alles besser“ und der hilflose Appell „Seid alle bitte kritischer!“ hilft aber nicht weiter.
    Interessant ist vielmehr die Frage, wie Wein-Journalismus in transformatorischen Zeiten neben gängigen Markt-Praktiken alternativ gestaltet werden kann, sei es beispielsweise durch Stiftungsmodelle oder Crowdfunding-Projekte wie „Krautreporter“.

  5. Pingback: Unterwegs im Elsass (2) | Der Schnutentunker

  6. Der Artikel spiegelt meine Meinung wieder. Es ist schon wahnsinnig schwer für einen Laien herauszufinden, was echt ist und was „gespielt“ ist.

    Allerdings sollte man auch bedenken, dass viele private Blogger ihre eigene Meinung publizieren, ohne dass irgendein Weinhändler etc. dahinter steckt.

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