Bio, Öko, Fairtrade: Wie der Spezialist die Zukunft sieht

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Bio, Öko, Fairtrade gehören fast schon zum Mainstream. Seit im Lebensmittelhandel die Discounter das Thema aufgegriffen haben, hat es viel an Dynamik gewonnen.  Diese Woche wurde zur „Fairen Woche“ deklariert und es läuft der Weltrekordversuch mit Fairem Kaffee. Dank Aldi kann er gelingen. Auch Bio-Wein ist mittelerweile im LEH angekommen. Was machen die Bio-Spezialisten?

Karl Schefer Gründer und Inhaber von Delinat foto:Delinat

Karl Schefer Gründer und Inhaber von Delinat foto:Delinat

Delinat gehört zu den Bio-Spezialisten der ersten Stunde: 1980 in der Schweiz gegründet, seit 1991 auch in Deutschland, ist Delinat zum größten europäischen Bio-Wein-Versender aufgestiegen. Auch noch heute leistet man sich Überzeugung: keine Übersee-Weine, keinen intensiven Barrique-Einsatz, um nur zwei Grundsätze zu nennen. Wie sieht der Spezialist die Zukunft von Bio, Öko und Fair-Trade? Ich sprach mit Delinat-Gründer und Inhaber Karl Schefer.

Als DELINAT anfing, hatten BIO-Weine noch den Ruf, etwas für  Überzeugungs-Täter zu sein. Was ist heute anders?

Bioweine werden heute als Sortimentsergänzung von vielen Weinhändlern und Discountern angeboten. Sie sind heute weniger erklärungsbedürftig, die meisten Verbraucher wissen, was BIO bedeutet und die Vorbehalte sind weitgehend abgebaut. Früher galt es unter anderem zu erklären, dass Bio-Wein auch Alkohol enthält… Zudem haben sie qualitativ stark zugelegt. Die Top-Gewächse stammen heute oft von Biowinzern.

Heute gibt es Bio-Weine mit Brief und Siegel schon bei Aldi & Co. Hat das ihr Geschäft verändert?

Ja, das hat es. Auf der einen Seite braucht es, wie gesagt, weniger Erklärung. Und für uns positiv ist, dass die Vorurteile weitgehend verschwunden sind („Bioweine sind sauer“). Auf der anderen Seite greifen auch unsere Kunden ab und zu im Supermarkt zu.

Gibt es den typischen DELINAT-Kunden?

Nein, den gibt es nicht. Die Segmentierungen haben sich aufgeweicht. Sicherlich gibt es statistische Auffälligkeiten, zum Beispiel, dass Delinat-Kunden überdurchschnittlich gebildet sind.

Wie wichtig sind den Kunden die Bio-Siegel?

Die Frage ist für uns schwer zu beantworten, denn Delinat hat noch nie Produkte ohne Bio-Siegel verkauft. Bei uns ist das selbstverständlich und die Kunden wissen das. Natürlich stellen sie daher auch keine Fragen. Ich glaube, dass das Bio-Siegel zurzeit wichtig ist, doch wird es mit zunehmendem Bio-Marktanteil und abnehmenden Minimal-Anforderungen an Wichtigkeit verlieren. Bio allein führt definitiv nicht zum Erfolg. Es braucht andere Leistungen.

Sind BIO, Öko, Fair Trade und Nachhaltigkeit verschiedene Märkte oder gehört das zusammen?

Wir glauben, dass es zusammen gehört. Ethisches Einkaufen berücksichtigt alle diese Elemente. Die kleine Gruppe der „Gesundheitskäufer“ ist wahrscheinlich affiner für BIO als für die altruistischen Argumente.

Was würden Sie einem Kollegen aus dem Weinhandel raten, der sich mit BIO beschäftigt?

Er sollte sich vor allem die Argumente gut zurechtlegen, wenn er nicht ausschliesslich Biowein verkauft, zumindest im Fachhandel. Je stärker er die Vorteile von BIO hervorhebt, desto nachdrücklicher kommen die Fragen zu den Unterschieden.

Bio ist ein Stück Alltag geworden und schien bis vor kurzem Lieblings-Spielzeug einiger LEH-Einkäufer zu sein. Die Zahlen sind jetzt erstmalig rückläufig. Was kommt nach BIO?

Ich kann nur sagen, was bei uns heute schon folgt: Die Abkehr vom Industrie-Bio, bei dem lediglich chemische gegen biozertifizierte Pestizide ausgetauscht werden und die Böden genau so tot sind wie im konventionellen Anbau. Staatliche Subventionen und Umstellprämien haben nicht nur Positives für die Bio-Landwirtschaft bewirkt. Die idealistischen Pioniere gibt’s kaum mehr und Bio-Grossbetriebe werden mehr und mehr auf Ertrag ausgerichtet. Delinat arbeitet am Weinbau der Zukunft: Aufbrechen der Monokultur, kommerziell tragfähige Sekundärkulturen, Dauerbegrünung, Klimafarming usw. Das bedeutet: Bäume und Büsche im Weinberg, Kartoffeln, Rosen und Tomaten zwischen den Reben. Leben allgegenwärtig. Stabilität durch Vielfalt. Mehr dazu: http://www.ithaka-journal.net/ und http://www.delinat-institut.org/.

DELINAT stand schon auf der Wunsch-Liste des ein oder anderen Großen aus der Wein-Branche. Sie sind immer noch unabhängig?!

Ja, und wir haben vor, es zu bleiben.

Lesen Sie auch:  Was kommt nach Bio?

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3 Kommentare

  1. Pingback: Tweets die X erwähnen Bio, Öko, Fairtrade: Wie der Spezialist die Zukunft sieht -- Topsy.com

  2. was mich ausführlicher interessiert hätte ist, wie Bio-Spezialisten wie Delinat den Vertieb von Bio-Weinen durch Supermarktketten persönlich bewerten. Auch wenn die Debatte im Bereich Bio nicht so umfassen geführt wird wie im Bereich Fair Trade, so bleibt doch ein fahler Beigeschmack, wenn Unternehmen die Auszeichnung Bio oder Fair Trade nur gebrachen, solange es sich finanziell lohnt.

  3. @Fair Trade: eine Antwort auf deine Frage findet sich in meinem Artikel im GlobalFutureBlog.

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